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Träger: Förderverein Jugend-, Kultur- und Sozialzentrum Aue e. V.


Bürgerhaus Aue

Unser Haus im Wandel der Zeiten

Die Gantenberg Villa

Ein gewisser Friedrich Wilhelm Gantenberg, Geschäftsführer und Besitzer einer Wäschefabrik, musste mit diesem Bau nicht auf seine Person aufmerksam machen. Er hatte seinen Platz in der Auer Stadtgeschichte bereits gefunden,
war er doch der erste Wäschefabrikant in Sachsen, der seine Firma ausschließlich mit Dampfkraft betrieb. Er beauftragte 1905 den namhaften Architekten Max Fricke mit dem Entwurf dieses Gebäudes. Es sollte an einem zentralen Platz der Stadt Aue stehen, großräumig und ein wenig prunkvoll ausgestattet sein, so die Bedingungen Gantenbergs. Es kam nur eine freie Stelle dafür in Frage, der Ernst-Gessner-Platz, der heutige Postplatz. Zu dieser Zeit war dieser Platz fast völlig frei von Gebäuden: Seit 1896 stand dort die Dürer-Schule als II. Bürgerschule für Mädchen. Es gibt die Auffassung, dass die Dürer-Schule damals das Mädchen-Pensionat „Sandschule“ war; eine andere Quelle gibt jedoch an, dass in der Dürer-Schule wohl nie ein Mädchenpensionat bestanden hat.
Einige Zeit nach 1896 wurde das Haus Eugen Langes erbaut (heute Optiker Hofmeister). Außerdem gab es 1905 noch einen kleinen Häuserblock in der heutigen Inneren Schneeberger Straße. Der Ernst-Gessner-Platz war geradezu ideal zum Bau einer Villa nach den Vorgaben Gantenbergs. Ein großer Garten sollte sich an das Haus anschließen, dieser zog sich vom linken Muldeufer bis zur II. Bürgerschule hin. Bereits im Februar 1905 begannen die Arbeiten zur Realisierung der Wünsche Gantenbergs. Gantenberg hatte mit seinen Textilien keine Absatzschwierigkeiten und war finanziell gut gestellt, so kam auch der Villenbau rasch voran. 1906 war das großartige Werk mit seinen beeindruckenden Jugendstilelementen fertiggestellt. Aue hatte damals bereits 20.000 Einwohner. Leider verstarb F. W. Gantenberg 1924 kurz vor der Feier zum 50. Firmenjubiliäm, sein Sohn Wilhlem übernahm die Geschäfte.

Im Jahr 1937 wurden die Familie Gantenberg durch die Nationalsozialisten enteignet. Sie nutzen ihr Vermögen und den Besitz, um sich "freizukaufen" und somit einer Deportation zu entkommen. Wilhelm Gantenberg zog mit seiner Familie in den Stadtteil Alberoda und sie lebten noch bis in die siebziger Jahre auf einem 1937 erworbenen Hof. 1938 erwarb Max Adler aus Oelsnitz die Villa mit Garten. Adler hatte schon Pläne, auf dem Gartengrundstück sollte ein Kino entstehen, typisch für jene Jahre, pompös mit großen Säulen.
Das mittlerweile ungenutzte Gelände der Wäschefabrik wurde von einer Firma Ebert und Kropp genutzt, die einen Zweigbetrieb eröffnete. 1959 wurde auf dem ehemaligen Firmengelände der Wäschefirma „Gantenberg“ ein Polytechnisches Kombinat eröffnet, benannt nach dem sowjetischen Schulreformer Anton Semjonowitsch Makarenko.

In den 40er Jahren war die Villa kurzzeitig Sitz der Ortsleitung der NSDAP.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die wohl wechselvollste Geschichte dieses Hauses. 1945 war das Haus Sitz der sowjetischen Stadtkommandantur.
Laut eines Befehls des damaligen Stadtkommandanten sollten in der Villa 60 Soldaten untergebracht werden. Dies wurde aber in einem Schreiben der Stadträte zurückgewiesen. Im Jahre 1949 wurde Max Adler enteignet, und aus dem ehemaligen „Adler-Kino“ wurde nun das Lichtspieltheater „Einheit“, das bis zu seinem Abriss 1994 unter staatlicher Leitung stand. In der Zeit etwa zwischen 1950 und 1954 wurde das Villengebäude als Internat und Unterrichtsstätte für angehende Säuglingsschwestern genutzt.
Das Haus diente als eine Außenstelle der Medizinischen Fachschule J. P. Pawlow, einer Ausbildungsstätte für Krankenschwestern und Säuglingsschwestern, die im Klösterlein untergebracht war. Mit dem Neubau der Berufsschule J. P. Pawlow auf dem Zeller Berg endete diese Nutzung. Danach wurde die Villa zum Sitz der „Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft“, zum Haus der DSF.
In der Bevölkerung wurde die Villa ab dieser Zeit auch als „Puschkinhaus“ bezeichnet. Im Haus hing ein Gemälde mit dem Motiv des berühmten russischen Dichters Alexander Puschkin, das auch nach der Wende von 1989 noch einige Jahre zu betrachten war und dann unter nicht bekannten Umständen verschwand. Bis zur deutschen Wiedervereinigung waren viele Organisationen in diesem Haus tätig, neben der DSF auch der „Demokratische Frauenbund Deutschlands“ und die „Nationale Front“. In den siebziger und achtziger Jahren befanden sich im Dachgeschoss 2 Wohneinheiten, welche 2 Familien und mit ihren Kindern bewohnten.

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